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Wortspiel

8.05.2020

Meiner unrepräsentativen Beobachtung nach erlebt das gute alte Scrabble gerade ein Revival. Ich jedenfalls mag diesen schlichten, gut 70 Jahre alten Klassiker, der uns herausfordert, unser eigenes Kreuzworträtsel zu legen. Da ich wenig über die Spielgeschichte weiß, habe ich nachgeschaut: Ein amerikanischer Architekt namens Alfred Mosher Butts erfand das Prinzip offensichtlich während der schwächelnden Auftragslage in der großen Depression.

17 Jahre lang versuchte der Mann, Lexiko zu verkaufen. (17 Jahre lang? Was für eine Ausdauer!) Erst dann änderte er etwas am Spielformat und überzeugte endlich einen Hersteller von seiner Idee. Der taufte das Spiel in Scrabble um und los ging’s mit den bis heute Millionen verkauften Sets in verschiedensten Sprachen, mit Turnieren, Wettkämpfen und tausenden von Scrabble-Vereinen rund um die Welt. Wer in Deutschland mit oder ohne Club M, Y, X, Ö, D, E und M auf seinem Haltebänkchen liegen hat, baut mit Myxödem das deutsche Wort mit der angeblich höchsten Punktzahl.

Bei uns zu Hause gibt es bei solchen Begriffen umgehend Diskussionsbedarf. In diesem speziellen Fall dürfte ein kurzer Blick ins Netz reichen, den Myxödem steht im Duden und bezeichnet eine Krankheit, die mit ungünstiger Hautveränderung einhergeht. Die Begründung, ein Wort gelte nicht, weil es nicht im Duden steht, ist übrigens unsinnig. In unserer wundervollen Sprache dürfen wir ganz offiziell Hauptwörter zusammenfügen, um neue daraus zu bauen. Scrabbleclubsatzung ist ein korrekt gebildetes, exotisches, doch sinnstiftendes Wort, Scrabbleclubsatz eher nicht.

Wenn Sie also das nächste Mal auf’s Brett starren und Ihre Synapsen feuern müssen, um ein gelegtes Wort zu verteidigen, gilt: Richtig ist, was sinnvoll ist, nicht das, was im Duden steht. Würde der alle Wörter aufnehmen, die korrekt gebildete Komposita sind, hätte er viel mehr Umfang als den von unzähligen hundertjährigen Eichen. Wie auch immer, fürs Scrabblen braucht man nicht nur Spaß an Wörtern, sondern vor allem innere Entspannung. Dann nämlich, wenn die (bis zu drei) anderen Spieler eine halbe Ewigkeit für jeden Zug brauchen. Anstatt sich bis zum nächsten Legen ausschließlich alle Möglichkeiten und verschiedene Kombinationen und raffinierte Ausweichvarianten zu überlegen, überkommt dynamische Spieltypen wie mich eine brennende Unruhe, weil ich möchte, dass es weitergeht. Aber leider bringt mich die Unruhe im Spiel keinen Schritt näher zum Erfolg. Wie Alfred Mosher Butts brauchen wir also vor allem eins, um zu siegen: Liebe zum Wort und Geduld. Letztere bringt uns Corona vermutlich gerade bei. Aber auch wenn ich selbst noch übe: Ich mag Wortspiele.



Von Vera Anders, die im Rheinland lebt und dort sprachlich und kreativ unterwegs ist.